Die Kölner Kolonialgeschichte beginnt am Fuße des Doms.

Direkt beim Dom, am Ende der Hohenzollernbrücke, steht eine Reiterstatue von Wilhelm II., dem letzten deutschen Kaiser. Doch wer war Wilhelm und verdient er es, mit einer Statue geehrt zu werden?

„Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“

Mit diesen Sätzen verabschiedete Kaiser Wilhelm II. aus dem Haus Hohenzollern die Soldaten des deutschen Expeditionskorps zur Niederschlagung des Boxeraufstands nach China. China hatte im Laufe des 19. Jahrhunderts bereits eine Reihe von Demütigung von Seiten Europas hinnehmen müssen: die Briten schmuggelten tonnenweise Opium ins Land, um die Bevölkerung drogenabhängig zu machen, Großbritannien und Frankreich führten Angriffskriege, um Territorium zu gewinnen und britische Truppe plünderten und zerstörten dabei den kaiserlichen Sommerpalast, einen weltweit einmaligen Kulturort. Am Ende war China gezwungen, immer mehr Land an die europäischen Kolonialmächte abzutreten, so auch die Kolonie Kiautschu an Deutschland. Im Jahr 1899 rebellierten schließlich immer mehr Chines*innen unter dem Namen Yihetuan – Bewegung für Gerechtigkeit und Harmonie – gegen diese Ungerechtigkeiten. Ihr Widerstand wurde in Europa als Boxeraufstand bekannt und es formte sich eine paneuropäische Koalition, die gemeinsam mit Japan Truppen entsandte, um den Aufstand niederzuschlagen. Dabei nahmen sich die deutschen Soldaten die Worte ihres Kaisers zu Herzen: Es folgte eine Kampagne von Ermordungen, Vergewaltigungen und Plünderungen, die am Ende 100.000 Chines*innen das Leben kostete.

Deutsche Kolonialverbrechen

Die Niederschlagung der Yihetuan steht am Anfang einer deutschen Kolonialpolitik unter Kaiser Wilhelm II., die auf radikalem Expansionsstreben, Grausamkeit und einer tiefen Überzeugung der Überlegenheit der „weißen Rasse“ beruhte. Es folgte der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania. Hier hatte Kinjikitile Ngwale die verschiedenen politischen Fraktionen des Landes für einen Aufstand gegen die deutsche Besatzungsmacht vereint. Auf Befehl Wilhelms schlugen deutsche Kolonialtruppen den Aufstand brutal nieder. Ihre Strategie bestand darin, Felder und Nahrungsvorräte systematisch zu vernichten. Die Folge war, dass in der Kolonie zwischen 250.000 bis 300.000 Menschen ihr Leben verloren – das entsprach damals einem Drittel der Gesamtbevölkerung. In Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, war die Zerstörung noch umfassender. Hier gab Wilhelm den Befehl zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Der Ursprung des Aufstands war der Widerstand der Herero gegen die zunehmende Enteignung ihres Landes durch deutsche Siedler*innen. Nach anfänglichen militärischen Erfolgen der Herero fügten die deutschen Kolonialtruppen den widerständischen Herero aber hohe Verluste zu. In der Schlacht am Waterberg wurden die Herero militärisch final besiegt. Statt einen Friedensvertrag zu vereinbaren gab der Kommandant der deutschen Truppen, Lothar von Trotha, aber in Absprache mit dem Kaiser den Befehl, die Herero vollständig zu vernichten. Die Überlebenden wurden in die Wüste getrieben und systematisch von Wasserstellen ferngehalten. In Anbetracht der Grausamkeiten der deutschen Truppen erklärten auch die Nama, die vorher mit den Deutschen verbündet gewesen waren, diesen den Krieg, wurden aber auch besiegt. Insgesamt starben in Folge der deutschen Kriegsführung zwischen 40.000 und 60.000 Herero, bis zu drei Viertel der Bevölkerung. Zudem kostete der Genozid 10.000 Nama das Leben.

Mitschuld am Genozid an den Armenier*innen

Ein Kolonialverbrecher in Bronze

Théophile Alexandre Steinlen, Karikatur aus dem Heft L’Assiette au Beurre #47: February 26, 1902.

In Anbetracht dieser Verbrechen ist es wenig verwunderlich, dass das Deutsche Reich als Mittäter auch für den Genozid an den Armenier*innen durch das verbündeten Osmanischen Reich verantwortlich ist.Während des ersten Weltkriegs hatten die Jungtürken im Osmanischen Reich die Macht übernommen und mit der ethnischen Homogenisierung des Vielvölkerreiches begonnen. Die  Armenier*innen wurden dabei systematisch in langen Todesmärschen aus ihren Heimatregionen deportiert und ermordet.

Deutsche Diplomaten und Kaiser Wilhelm II. erfuhren früh von den osmanischen Versuchen, die Armenier*innen unter dem Vorwand einer Umsiedlung zu vernichten. Das mächtigere Deutsche Reich hätte die verbündeten Osmanen wohl stoppen können. Die tatsächlichen Reaktionen reichten aber von einfachem Desinteresse bis hin zu einer expliziten Unterstützung des Völkermords. Deutsche Unternehmen missbrauchten Armenier*innen als Zwangsarbeiter und waren so für den Tod Tausender direkt verantwortlich. Insgesamt kostete der armenische Genozid, oder Aghet – “Die Katastrophe”, bis zu 1.500.000 Menschen das Leben. Auch viele andere Minderheiten wurden systematisch verfolgt, vertrieben und ermordet.

Köln, deutsche Kolonialhauptstadt des Westens

Für keines dieser Kolonialverbrechen hat Deutschland sich bis heute entschuldigt oder Entschädigung gezahlt und in unseren Geschichtsbüchern kommen sie nur am Rande vor – wenn überhaupt! Auch in Köln, dass damals als deutsche „Kolonialhauptstadt des Westens“ galt und von der kolonialen Ausbeutung besonders profitierte, sind die Verbrechen der kolonialen Vergangenheit im Stadtbild unsichtbar. Stattdessen werden die Täter von damals, und allen voran Kaiser Wilhelm II, mit Statuen und Straßennamen geehrt. Im Angesicht dieser Kolonialverherrlichung ist es wenig verwunderlich, dass die Nachkommen jener Menschen, die damals ermordet wurden, auch heute noch Opfer desselben menschenverachtenden Rassismus sind.

Statuenentfernung ist erst der Anfang

Die Entfernung von Statuen, oder deren aufklärende Verfremdung oder Kommentierung an Ort und Stelle, sowie die Umbenennung von Straßen wird Vergangenes nicht ungeschehen machen und alleine den Rassismus von heute nicht beenden. Die Forderung nach solchen symbolischen Akten ist ein Einstieg, um überhaupt eine Debatte über die Aufarbeitung der Kolonialverbrechen beginnen zu können. Solange Kolonialismus ganz unbestritten im Stadtbild verherrlicht wird, ist jede andere Geste der Aufarbeitung nicht besonders glaubwürdig. Deutschland und Köln müssen für ihre koloniale Vergangenheit jetzt Verantwortung übernehmen; oder, wie es auf den Black Lives Matter Demos zu hören ist: Ohne Gerechtigkeit wird es keinen Frieden geben.

Ein König ist eine Beleidigung der Demokratie

Die Statue von Kaiser Wilhelm, sowie die ihm gewidmeten Straßennamen, können nicht unverändert so nicht bleiben, sonst kann es keine Aufarbeitung geben. Aber auch die Ehrung der anderen drei preußischen Könige und Kaiser durch überlebensgroße Bronzestandbilder sollen wir überdenken. Haben sie es wirklich verdient, an prominenter Stelle geehrt zu werden? Friedrich Wilhelm IV., ein Feind der Demokratie und Unterdrücker der Revolution von 1848? Wilhelm I., der mit der Anerkennung von „Schutzgebieten“ den Grundstein für die deutsche Kolonialpolitik legte? Oder Friedrich III., eine unbedeutsame Randfigur ohne politischen Einfluss? Diese Statuen, wenn auch weniger problematisch als die Wilhelms II., verkörpern nichts, was uns heute noch verehrungswürdig erschiene. Statt einen Beitrag zur Erinnerungskultur im öffentlichen Raum zu leisten, symbolisieren sie autokratische Herrschaft, Militarismus und Gewalt. Und auch der Name der Brücke selbst muss in diesem Rahmen suspekt wirken. Warum sollte eine Brücke im rheinischen Köln nach einer preußischen Herrscherfamilie benannt sein, die in der Vergangenheit vor allem für ihre Demokratiefeindlichkeit bekannt war und in der Gegenwart durch gierige Forderungen nach öffentlichen Kulturgütern auffällt?

Dekolonisiert Köln!

Ein Kolonialverbrecher in Bronze

Poster, Künstler*in unbekannt, Gemeinfrei.

Die deutsche Kolonialgeschichte kennt neben unzähligen kleinen Gewalttaten vier große Verbrechen – die Niederschlagung des Boxeraufstands, den Maji-Maji-Krieg, den Genozid an den Herero und Nama und die Duldung des Genozids an den Armenier*innen. An der Hohenzollernbrücke stehen vier problematische Statuen.  Was ist die Lösung? Ab ins Museum, wo sie angemessen kontextualisiert werden können? An Ort und Stelle “verfremden”, so dass deutlich wird, dass wir diese Herrschaften nicht mehr verehren? Es gibt viele mögliche Lösungen. Wichtig ist, den Weg zu einem angemessenes Erinnern der kolonialen Vergangenheit zu öffnen. Die Brücke selber sollte dann auch einen neuen Namen bekommen – oder einfach wieder ihren Namen erhalten, den sie vor der Eingliederung Kölns in das preußische Reich trug – Dombrücke. Die Stadt Köln hat eine historische Verantwortung, Kolonialismus öffentlich aufzuarbeiten. Diese Aufarbeitung kann nur dann glaubwürdig sein, wenn sie im Herzen Kölns, am Fuße des Doms, beginnt. Nur so kann Köln seinem Ruf als weltoffene und tolerante Stadt gerecht werden. Entziehen wir endlich Kaiser Wilhelm die Verehrung – ohne Gerechtigkeit kein Frieden!