Nach den Infektionsherden in einigen Schlachtbetrieben, bei Westfleisch in Coesfeld und Vion in Bad Bramstedt, traten mit dem erneuten Ausbruch von massenhaft infizierten Arbeiter*innen (1.500) in der großen Schlachtfabrik des Branchenführers Tönnies in Rheda-Wiedenbrück die sozialen Missstände in der Fleischindustrie noch deutlicher zutage. Die Agrar-Expertin Katrin Wenz des BUND prangert an: „unvorstellbare Tierquälerei in Mega­Ställen, zu viel Gülle, zu viel Billigfleisch für den Weltmarkt, zu viel Antibiotika-Einsatz. Fakt ist: Dieses System funktioniert nur auf Kosten von Tier und Umwelt – und auf dem Rücken von unter­be­zahlten Arbeiter*innen in Schlachthöfen.“ Dies alles ist allerdings seit Jahren bekannt, ohne dass die Arbeits- und Lebensbedingungen der in Massenunterkünften zusammengepferchten Arbeitskräfte verbessert wurden. Entsprechend war Clemens Tönnies so frank und frei, den hier arbeitenden Bulgaren und Rumänen zu unterstellen, den Virus eingeschleppt zu haben. Was der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet zunächst folgsam wiederholte, wobei er immerhin deren Arbeits- und Wohnbedingungen kritisierte. 

Corona-Pandemie wirft ein Schlaglicht auf die Missstände in der Fleischindustrie

Relativ hohe Mieten für miserable Sammelunterkünfte, katastrophale Sanitäreinrichtungen, Schimmelpilz- und Rattenbefall und zugleich niedrige Entgelte, teilweise weniger als Mindestlohnniveau, für hohe Arbeitsleistungen bei langen Arbeitszeiten unter belastender Arbeitsumgebung. In verschachtelten Sub-Unternehmenskonstruktionen mit Werkverträgen für zumeist osteuropäische Arbeitnehmer*innen hat sich ein modernes Ausbeutungssystem etabliert. Nicht nur in der Schlachtindustrie! Es hat sich im Verlauf der beiden letzten Jahrzehnte im Zuge staatlicher Deregulierungsstrategien verschärft, die wiederum bei verringerter Regelungsdichte systematisch den Wettbewerb anheizen. Die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit, das allseitig propagierte Mantra neoliberaler Wirtschaftspolitik endet auf einer schiefen Bahn nach unten –  einer steigenden Ausbeutungsrate für Menschen und Tötungsrate für Tiere. 

Die ökonomische Dimension dieser Entwicklung gewinnt nach den Recherchen des Spiegel an dem Beispiel der Familie Tönnies eine plastische Kontur: Während der Vater in den 1960er Jahren 7-10 Tiere pro Woche schlachtete, sind es heute allein in Rheda-Wiedenbrück 30.000 pro Tag bei einem gesamten Schlachtaufkommen von insgesamt 16,7 Millionen im Jahr. Das frühere handwerkliche Wochenpensum wird heute industriell in knapp einer halben Minute erledigt. Selbst bei hierdurch ermöglichten Schleuderpreisen in angeschlossenen Handelsketten und Discountern, mit denen zusammen das traditionelle Fleischerhandwerk, Bauernwirtschaften und der Lebensmittelhandel ausgedünnt worden sind, werden in der kapitalistischen Verwertungskette erhebliche Gewinne gemacht. So sehr die allgemeine Empörung über den „Schweinebaron“ Tönnies mit gut 30% Marktanteil in Deutschland zusammenschlägt, der letztes Jahr als Vorsitzender des Aufsichtsrats von Schalke 04 durch rassistische Äußerungen in die Schlagzeilen geriet, handelt es sich nur um die zugespitzte Variante allgemeinerer gesellschaftlicher Tendenzen.

Die industrielle Dimension des Schweinesystems als moralische Perversion 

Die Tierquälerei in der Aufzucht und Mästung, der Haltung und stresstreibenden Schlachtung der Schweine als verdinglichte Tierwaren ist oft genug beschrieben, zudem in Videosequenzen veranschaulicht und kritisiert worden, als dass sie hier im Einzelnen wiederholt werden müsste. Dennoch sollten wir nicht vernachlässigen, dass die hyperkapitalistische Tierverwertung im Widerspruch zu jeglichen Wertvorstellungen des Tierschutzes und Tierwohls steht. Sie werden mit der industrialisierten Fleischproduktion nach den inneren Gesetzen einer effizienten Profitmaximierung systematisch untergepflügt. Im sich zuspitzenden Wettbewerb muss in abnehmender Zeit bei stetig einzusparenden Ausgaben für Tier und Mensch immer mehr Fleisch produziert werden. 

Was damit an Leid den Tieren als lebendigen Lebewesen und den arbeitenden Menschen angetan wird, ist ein besonders krasser Ausdruck der durchkalkulierten Deformierung menschlicher und tierischer Natur. Die mit der Corona-Pandemie wieder ins Bewusstsein gehobene Vorhölle für Arbeiter und Tiere ist das letztendliche Ergebnis eines deregulierten Marktwettbewerbs. Dieser wird zunehmend von Finanzinvestoren im Interesse der stetigen Anhäufung von Reichtümern bei wenigen bestimmt. Hierfür steht der weltgrößte Investor Black Rock als Krisengewinner, der 1988 gegründet nunmehr mit 7,5 Billionen Dollar etwa das Zwanzigfache des deutschen Bundeshaushalts von 362 Milliarden Euro verwaltet. Mit einem Beratungsauftrag der EU für eine nachhaltige Regulierung der Bankenwelt wird der Bock zum Gärtner gemacht.

Fortschreitende Expansion der Ausbeutungsverhältnisse von Mensch und Natur

Der beschleunigte Umsatz bei der tierischen Kapitalverwertung bringt eine fortschreitende Expansion der Ausbeutungsmaschinerie mit sich: nicht nur der beteiligten Arbeiter in der unmittelbaren Produktionskette bis zur Schlachtung, Zerlegung und Verpackung der Tiere, sondern darüber hinaus bereits bei der Beschaffung von Futtermitteln aus entfernten Regionen, etwa Soja aus Brasilien, mit katastrophalen Folgen für Menschen und Umwelt. Hierfür werden Wälder abgeholzt und abgefackelt, die dort lebenden Ureinwohner häufig vertrieben und auch ermordet, nachwirkende ökologische Schäden verursacht.

Die Verschleuderung von lebenspendender Umwelt setzt sich hierzulande in der Massentierhaltung fort – etwa in massenhaft anfallender Gülle, die Böden mit Stickstoff überdüngt und das Grundwasser, Seen und Meere verunreinigt. Die angestiegene Tierverwertung im Interesse vermehrter Exportmöglichkeiten kann wiederum die landwirtschaftlichen Entwicklungsbedingungen importierender Länder hintertreiben. Das tritt besonders krass in dem Export von billigen Hühnerresten und Trockenmilch nach Westafrika zutage, was immer wieder kritisiert worden ist. Denn die Abfallprodukte vernichten die mühsamen Ansätze der Entwicklung einer eigenen Viehwirtschaft. 

Verwertungs- und Wirkungsketten des Schweinesystems als Klassenwidersprüche

Dies alles spricht den gern angeführten Rechtfertigungsargumenten Hohn: einmal billiges Fleisch für Geringverdiener*innen mit niedrigen Mindestlöhnen und Sozialsätzen, zum anderen Ernährungsanforderungen einer wachsenden Weltbevölkerung, deren eigenständige Entwicklung jedoch häufig genug gekappt wird. Hierfür standen die Programme des Weltwährungsfonds: Anbau von Monokulturen mit späterer Bodenerosion und steigende Angebote auf dem Weltmarkt mit folgendem Preisverfall, etwa bei Kaffee; zugleich aber kreditierte Ankäufe von erforderlichen Düngern und Landmaschinen aus den Industriestaaten mit ansteigender Verschuldung. Die Quintessenz: Verarmung für sich entwickelnde Länder und Bereicherung für entwickelte Industriestaaten. Hier bieten erniedrigte Nahrungsmittelpreise mit entsprechend geringeren Lohnkosten wiederum erhebliche Profitspannen, vor allem dann, wenn die inflationsbereinigten Entgelte nicht mehr den Produktivitätssteigerungen entsprechen. 

Durch das „Schweinesystem“ als pars pro toto wird auf wachsender Stufenleiter die gesellschaftliche Polarisierung, die Klassenschichtung gerade in der Betroffenheit durch die Corona-Pandemie vorangetrieben. Neben der Fleischindustrie gilt das insbesondere für das Baugewerbe, die Landwirtschaft, Reinigungs- und Gesundheitsdienste. Hiervon tangiert sind vor allem ohnehin benachteiligte Arbeiter*innen mit Migrationshintergrund. Je prekärer deren Arbeits- und Wohnbedingungen, desto höher die Infektionsrate. Überhaupt hat die Pandemie deutlich gemacht, wie sehr einzelne Wirtschaftsbereiche von der Leistung dieser unzureichend wertgeschätzten Beschäftigten abhängen. Allerdings sind die Bekundungen von Solidarität mit den systemrelevanten Arbeiter*innen bisher nicht in finanziellen Aufwertungen ihrer Tätigkeiten umgesetzt worden. 

Solidarische Widerstände gegen rassistische Umtriebe

Gegenüber der Unterbewertung der Arbeitsleistungen eingewanderter Mitbürger bis hin zu sich mehrenden Erscheinungen eines sich ausbreitenden gesellschaftlichen Rassismus im nationalen Gewande entwickeln sich jedoch vielfältige Widerstände in solidarischen Aktionen, die bis in die gesellschaftlichen Organisationen und staatlichen Institutionen, selbst die Bundes- und Landesregierungen hineinwirken. Sie bedürfen allerdings eines breiteren Rückenwindes gesellschaftlicher Kräfte in Kirchen, Sozialorganisationen und vor allem in den zögerlichen Gewerkschaften. Dies gilt insbesondere für eine wirksame Unterstützung auflodernder Proteste gegen die polizeiliche, quasi militärische Abwehr von Flüchtenden, die einen moralischen Verfall der immer wieder suggerierten europäischen Wertegemeinschaft dokumentiert. Waren für das Christentum nicht die teilende und helfende Nächstenliebe wie für die Arbeiterbewegung die nationale und internationale Solidarität einst konstitutiv?

In dieser untergründigen Tradition stehen bereits demokratische und soziale Bewegungen auf, die sich eine Kriminalisierung lebensrettender Maßnahmen immer weniger gefallen lassen. Hierbei hat das virustreibende Schweinesystem wider Willen einige Aufklärung geleistet, selbst wenn die praktischen Maßnahmen sehr unterschiedlich zum Tragen kommen. Angesichts der anhaltenden Pandemie, der sinkenden Artenvielfalt und der klimatischen Bedrohungen wie auch dies alles leugnender Führungskräfte in Wirtschaft und Politik, insbesondere derzeit in den USA mit einem national eingefärbten Sozialdarwinismus, beginnt widerständiges Bewusstsein für ökologische, soziale und menschenrechtliche Erfordernisse nicht nur in Deutschland zu wachsen. Dafür sprechen nach der Bewegung der „Gelbwesten“ auch die „Grünwerdung“ der politischen Landschaft in Frankreich mit den aktuellen Ergebnissen der Kommunalwahlen.

Regulatorische Eingriffe in die gesellschaftlichen Zerstörungspotenziale 

In diesem Zusammenhang stellt die gegenwärtige Corona-Pandemie zwar nur eine Facette der desaströsen Folgen einer kapitalistisch betriebenen Verwertung von Menschen und Natur dar; sie beginnen jedoch nunmehr weltweit zu kumulieren und werden in ihren globalen Zusammenhängen an allen Ecken und Enden sichtbar. Sie haben ihren neuzeitlichen Ursprung in der kapitalistisch betriebenen Industrialisierung, in der ein brutaler Raubbau an Menschen und Natur einen ersten Höhepunkt in der mental noch nachwirkenden Sklaverei erfuhren. Dies konnte durch Widerstände sozialer und demokratischer Kräfte, politische Klassenkämpfe und Revolutionen in gut anderthalb Jahrhunderten eingeschränkt werden, aber die letzten Jahrzehnte bringen mit dem Vormarsch der „neoliberalen Konterrevolution“ erneut soziale und ökologische Verwüstungen mit der selbst in Krisenzeiten beschleunigten gesellschaftlichen Polarisierung hervor. 

Vor diesem Hintergrund wird es notwendig, den zivilgesellschaftlichen Druck zu erhöhen, die traditionellen demokratischen und sozialen Kräfte stärker mit den jüngeren Umwelt- und Klimabewegungen zusammenzuführen, um große, transnational operierende Investoren und Konzerne mit ihren kriminellen Praktiken und korrupte politische Instanzen in die Schranken weisen zu können. Deren Umtriebe haben darüber hinaus ein nicht mehr hinnehmbares Ausmaß in krummen Finanzgeschäften und Steuerhinterziehungen aller Art angenommen, die von abhängigen Regierungen geduldet, wenn nicht zuweilen gefördert werden. Regulatorische Eingriffe in das sich verselbständigende Ausbeutungssystem von Menschen und Natur stehen daher auf der Tagesordnung, mehr noch: sein alternativloser Umbau, angefangen bei den Geschäfts- und Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie bis zur Nutztierhaltung in einer ökologisch betriebenen Landwirtschaft: die Lehre der Pandemie, dass eine andere Welt nicht nur möglich, sondern nötig wird. 

Paul Oehlke ist Sozialwissenschaftler. Er gehört der Kölner LINKEN sowie dem Beirat der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW an.

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