Entwarnung am Kölner Wohnungsmarkt? - Experten der LINKEN.Köln widersprechenEin im Auftrag der Stadt Köln erstelltes Gutachten vermittelt den Eindruck, dass für den Kölner Wohnungsmarkt Entwarnung gegeben werden könne. Doch das Gegenteil ist der Fall, sagen die Experten der LINKEN.Köln. Neben vielen methodischen Mängeln kritisieren sie eine völlig unzureichende Betrachtung der Situation von Haushalten mit geringem Einkommen und warnen davor, dieses Gutachten zur Grundlage einer wohnungspolitischen Strategie zu machen. Stattdessen stellen sie alternative Anforderungen an eine soziale Wohnungspolitik zur Diskussion.

 

 

Künftiger Wohnungsbedarf und Wohnungsnachfrage in Köln bis 2040

Kritik am empirica-Gutachten und alternative Anforderungen an eine soziale Wohnungspolitik in Köln

Von Dr. Günter Bell, Christoph Besser, Michael Weisenstein*

1. Ausgangssituation: Das Stadtentwicklungskonzept Wohnen

Grundlage der Wohnungspolitik der Stadt Köln ist das vom Rat der Stadt Köln am 11. Februar 2014 beschlossene Stadtentwicklungskonzept Wohnen (StEK Wohnen).
Hier werden auf Grundlage eines Gutachtens der Quaestio – Forschung & Beratung GmbH (Bonn) und der 2013 veröffentlichten Bevölkerungsprognose 2040 des Amtes für Stadtentwicklung und Statistik sieben Ziele der Kölner Wohnungspolitik festgelegt. Zu diesen Zielen gehören u.a.

  • In Köln sollen im Jahr 2030 über 1.050.000 Menschen wohnen.
  • Die Kölner Wohnungspolitik strebt bis 2030 den Bau von 52.000 neuen Wohnungen an, davon sind bis 2020 jährlich 3.400 Wohneinheiten für den Geschosswohnungsbau zu realisieren.
  • Für Haushalte, die auf mietpreisgünstige Wohnungen angewiesen sind, strebt die Kölner Wohnungspolitik den Bau von jährlich 1.000 öffentlich geförderten Wohnungen an.
    Zur Erreichung dieser Ziele wurde ein Handlungsprogramm mit 22 Maßnahmen in acht Handlungsfeldern beschlossen.

Aufgrund einer aktuellerer Bevölkerungsprognose wurde der Wohnungsbedarf später neu berechnet und nach oben angepasst. Im Kölner Wohnbündnis wurde 2017 vereinbart, „die jährliche Bauleistung schrittweise auf bis zu 6.000 Wohnungen zu steigern.“ Das von der Stadt Köln verfolgte Ziel, jährlich 1.000 Wohnungen mit einer Mietpreis- und Belegungsbindung zu fördern, wurde bekräftigt.

Es ist durchaus plausibel, nach sieben Jahren eine Revision des StEK Wohnen anzugehen. Hierfür spricht vor allem, dass die Ziele des StEK Wohnen im Wesentlichen nicht erreicht worden sind. Die beschlossenen Maßnahmen sind also nicht ausreichend gewesen und müssen überprüft, verändert und ergänzt werden.

2. Das aktuelle empirica-Gutachten

Das neue Gutachten wurde von der empirica AG (Bonn) erstellt. Ziel des Gutachtens ist eine Wohnungsbedarfsberechnung und eine Wohnungsnachfrageabschätzung für die Stadt Köln auf Basis der neuen Einwohner- und Haushaltsprognose des Amtes für Stadtentwicklung und Statistik der Stadt Köln. Das Basisjahr ist 2018, der Zeithorizont reicht bis 2040.
Auf Grundlage des Gutachtens sollen neue Ziele und Handlungsempfehlungen für die Stadtentwicklung, Wohnungs- und Wohnungsbaupolitik festgelegt werden.

Die Oberbürgermeisterin kündigte an, dass „unter Einbezug der Mitglieder des Wohnungsbauforums ein Strategiepapier erarbeitet [wird], in dem vor dem Hintergrund der tatsächlichen demografischen Entwicklung, der Flächenverfügbarkeit, der möglichen Bauleistung und etwaiger Nachhol- und Ersatzbedarfe realisierbare Zielzahlen sowie Handlungsempfehlungen für den Wohnungsbau in Köln bis 2040 vorgeschlagen werden sollen.“ [1]

Abbildung 1: Abgleich von Angebot (auf Potenzialflächen) und Nachfrage (gemäß Szenarien), Köln, 2018 bis 2040, Jahresdurchschnitt (Quelle: empirica-Gutachten)

Abbildung 1: Abgleich von Angebot (auf Potenzialflächen) und Nachfrage (gemäß Szenarien), Köln, 2018 bis 2040, Jahresdurchschnitt (Quelle: empirica-Gutachten)

Das Basisszenario

In dem Gutachten wird ein Basisszenario vorgestellt; zudem drei Variationen. Diese vier Szenarien unterscheiden sich hinsichtlich der unterstellten Haushaltsbildung und Zuwanderung.
Das Basisszenario berechnet die Neubaunachfrage für Köln bis 2040 unter der Annahme, dass sich die Einwohner- und Haushaltszahlen entsprechend folgender Vorausberechnungen der Stadt Köln entwickeln.

  • Die Einwohnerzahl Kölns (Hauptwohnsitze) wächst von 1,078 Mio. im Jahr 2017 bis 2040 um 68.000 (also um +6%) auf 1,146 Mio. an.
  • Die Haushaltszahl (inkl. Nebenwohnsitze, ohne Heime) wächst von rund 561.000 Haushalten im Jahr 2017 um 44.000 (also um + 8%) auf rund 605.000 Haushalte im Jahr 2040 an.
  • Um die insgesamt 44.000 zusätzlichen Haushalte in den Jahren 2018 bis 2040 mit Wohnungen versorgen zu können, müssen jährlich 1.910 neue Wohnungen in Köln entstehen.
Abbildung 2: Zwischenergebnis - Baufertigstellungen 2000-2018 und Neubaunachfrage bis 2040 in Köln – Bandbreiten (Quelle: empirica-Gutachten)

Abbildung 2: Zwischenergebnis – Baufertigstellungen 2000-2018 und Neubaunachfrage bis 2040 in Köln – Bandbreiten (Quelle: empirica-Gutachten)

Dramatische Lage auf dem Kölner Wohnungsmarkt

Bei allen Schwächen und Mängeln [2] zeigt das Gutachten doch auch auf, wie dramatisch die Lage auf dem Kölner Wohnungsmarkt ist:

Die Wohnungsleerstände in Köln sind praktisch ausgeschöpft. Die marktaktive Leerstandsquote in Köln liegt inzwischen bei unter 1 %.

  • Die Preise für gebrauchte Eigentumswohnungen haben sich von 2010 bis 2018 mehr als verdoppelt.
  • Die Angebotsmieten stiegen in diesen acht Jahren von 8,50 Euro/m² auf 11,30 Euro/m².
  • Von den rd. 89.000 Haushalte, die Transferleistungen beziehen, könnten nur 43 Prozent mit geförderten Sozialwohnungen versorgt werden.
  • Auch wenn die Stadt ihre Ziele im Wohnungsbau erreicht, sinkt die Zahl der Sozialwohnungen von 42.000 in 2010 auf unter 35.000 in 2040.
  • Bei Studierenden lag die Mietbelastung mit 45 % mit an der Spitze aller Haushaltstypen in Köln.

Einfamilienhausbestand reicht weitgehend aus

Eine interessante Erkenntnis enthält das Gutachten zu dem Bedarf an Einfamilienhäuser: In wachsendem Maße werden Einfamilienhäuser der heute etwa 80Jährigen Haushalte in Köln auf den Markt kommen. Wenn in diesen Beständen der Generationswechsel hin zu jungen Familien gelingt, „reicht der heutige Einfamilienhausbestand … bis 2040 weitgehend aus,“ (43) [3] – so die Einschätzung des Gutachtens.

Knappe Flächen erfordern eine höhere Dichte

Das Gutachten weist auch darauf hin, dass die Flächenknappheit nicht nur Konsequenzen bei der Suche nach geeigneten Wohnbauflächen haben sollte, sondern auch die Frage „nach der politisch angestrebten Baudichte“ (56) eine Rolle spielen sollte.

3. Die GEWOS-Studie des Landes NRW

Kurz vor dem empirica-Gutachten hat das Land ein vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen (MHKBG NRW) in Auftrag gegebenes Gutachten veröffentlicht.

Das Ziel dieses von GEWOS (Hamburg) erstellen Gutachtens ist es, die Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf die Wohnungsmärkte Nordrhein-Westfalens zu analysieren und den zukünftigen Wohnungsneubaubedarf zu prognostizieren.

Wichtige Erkenntnisse dieses Gutachtens sind u.a.:

  • Köln bleibt weiterhin Wachstumskern und steht damit vor der Herausforderung, der weiterhin steigenden Wohnungsnachfrage durch die Schaffung zusätzlicher Wohnungsangebote zu begegnen.
  • Der Neubau muss landesweit weiter auf hohem Niveau gehalten werden. Bis Jahresanfang 2040 werden unter den Annahmen des Szenarios 0, das als Richtschnur für die zukünftige Entwicklung angesehen wird, in Nordrhein-Westfalen im Durchschnitt rund 46.000 Wohneinheiten pro Jahr benötigt. In Köln werden nach diesem Szenario in den Jahren 2018 bis 2040 jährlich 5.970 Wohnungen benötigt.
  • Bezahlbares Wohnen bleibt weiterhin ein wichtiges Thema.
  • Bei altersgerechten Wohnungen besteht eine große Versorgungslücke.
  • Der Generationenwechsel im Segment der Ein- und Zweifamilienhäuser birgt enormes Freisetzungspotenzial.
  • Die Aussagen beider Gutachten stimmen in vielen Punkten überein. Bei der Prognose der in Köln jährlich benötigten Wohnungen liegen sie aber weit auseinander: Während das GEWOS-Gutachten 5.970 Wohnungen als erforderlich angibt, meint das empirica-Gutachten mit 1.910 Wohnungen auszukommen. Eine Differenz von jährlich 4.060 Wohnungen!

4. Kritik am Gutachten

„Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“ [4]

Bei den vier Szenarien zum künftigen Wohnraumbedarf in Köln handelt es sich um „Modellrechnungen, die auf Basis von Annahmen Ergebnisse berechnen.“ (32) Das heißt: Ändern sich die Annahmen, ändern sich auch die Ergebnisse.

Die Oberbürgermeisterin stellt bei der Vorstellung des Gutachtens in den Ausschüssen zwar klar, dass die berechneten Zahlen der neuzubauenden Wohnungen „nur als Minimum zu verstehen (sind)“. Das hätte aber auch schon in dem Gutachten deutlicher betont werden müssen.

Im Basisszenario wird berechnet, dass in Köln jährlich rund 1.910 neue Wohnungen entstehen müssten, um die 44.000 zusätzlichen Haushalte in den Jahren 2018 bis 2040 mit Wohnungen versorgen zu können. Diese Zahl liegt unter der jährlichen Bauleistung in den Jahren 2000 bis 2018. In Verbindung mit der Aussage, „dass die Nachfrage des Basisszenarios auf jeden Fall erreicht werden kann“, (67) entsteht der falsche Eindruck, dass für den Kölner Wohnungsmarkt Entwarnung gegeben werden könnte. Das Gegenteil ist der Fall.

Diese Berechnungen funktionieren nur, wenn man die stadteigene Bevölkerungsprognose zugrunde legt. Legt man hingegen die Bevölkerungsprognose nach IT.NRW zugrunde, zerplatzt der Traum.

Statt sich auf das Basisszenario festzulegen, sollte sich eine verantwortungsvolle Wohnungspolitik zumindest an einem mittleren Wert aus Basisszenario und den drei Variationen orientieren und auch die deutlich höheren Werte des GEWOS-Gutachtens im Blick behalten.

Einkommensschwache Haushalte

Von den einkommensschwachen Haushalten stehen in dem Gutachten die Haushalte ohne Transferleistungen mit niedrigem Einkommen im Mittelpunkt. Für sie wird ausgewiesen, dass sie sich „unter der Annahme, dass 30% des Haushaltsnettoeinkommens für die Nettokaltmiete ausgegeben werden, lediglich 0,5% bzw. 0,6% der angebotenen Wohnungen leisten (können).“ (19)

Ist das Fehlen entsprechender Abgaben für Transferleistungsempfänger*innen und für Haushalte, die Anspruch auf einen WBS haben, schon enttäuschend, so ist diese Aussage wirklich ärgerlich:

„Häufig ist von ‚Einkommensschwachen Haushalten‘ die Rede, ohne dass diese eindeutig definiert werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, ob man zum Einkommen auch schon Transferleistungen zählt: Wenn einer arbeitslosen Familie mit vier Kindern jeden Monat die Wohnkosten komplett erstattet werden und sie zusätzlich noch einen festen Betrag für die Lebensführung bekommt (Regelsatz), ohne ein eigenes Einkommen zu haben, dann ist sie nicht reich, aber fällt vermutlich auch nicht mehr unter ‚einkommensschwach‘.“ (70)

Wer sich nicht auf „Vermutungen“ verlassen möchte, findet die Zahlen und Fakten zur sozialen Situation in Deutschland beispielsweise bei der Bundeszentrale für politische Bildung. [5] Hier hätten die Gutachter*innen die Verteilung der Bevölkerung auf verschiedene Einkommensgruppen nachlesen können:

Im Jahr 2016 lag das Medianeinkommen bei 22.456 Euro (bedarfsgewichtetes verfügbares Einkommen, in Preisen von 2015). Personen, die ein reales Nettoäquivalenzeinkommen von weniger als 15.719 Euro (< 70% des Median) hatten, gehörten zur einkommensschwachen Gruppe. Diese Gruppe umfasste 2016 24,4% der Bevölkerung.

Zu der Frage, welche Einkommen zur Ermittlung des Haushaltseinkommen beachtet werden: Zunächst wird das von allen Haushaltsmitgliedern tatsächlich erzielte Haushaltseinkommen zusammengefasst. Dieses setzt sich zusammen aus dem Einkommen aus selbstständiger und unselbstständiger Erwerbstätigkeit, dem Einkommen aus Vermögen, Renten und Pensionen sowie empfangenen laufenden Sozialtransfers (!) – wie zum Beispiel Arbeitslosengeld, Sozialhilfe oder Kindergeld. Direkte Steuern und Sozialbeiträge werden abgezogen.

Die von den Gutachter*innen angeführte Familie gehört also eindeutig zu den einkommensschwachen Haushalten, hat Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein und mit vollem Recht Zugang zu Sozialwohnungen. Diese falsche Relativierung von Armut gehört nicht in ein solches Gutachten.

Rückläufiger Bestand an Sozialwohnungen

Bis 2015 war der Sozialwohnungsbestand in Köln rückläufig: Durch auslaufende Bindungen sank die Zahl der geförderten Mietwohnungen (Typ A/ 1. Förderweg) von rd. 42.600 WE (Ende 2010) zunächst auf 37.500 (Ende 2015), stieg dann aber bis Ende 2018 wieder auf 38.600 WE an. Damit hat sich in Köln der Anteil der Sozialwohnungen an allen Geschosswohnungen auf 8,8% verringert.

Die Zahl der geförderten Mietwohnungen ist natürlich sehr viel höher. Das Problem besteht darin, dass diese Förderung nur zu einer zeitlich befristeten Mietpreis- und Belegungsbindung führt. Nach Ablauf der Frist (und bei einer vorzeitigen Ablösung der Darlehen auch schon früher) fallen die Wohnungen aus der Bindung, sind also im engeren Sinne keine Sozialwohnungen mehr. Diese systematische Fehlkonstruktion der Förderung wird von uns schon lange kritisiert.

Um dieser Tendenz entgegenzuwirken plant die Stadt Köln nicht nur „perspektivisch“ (66), jährlich 1.000 neue Sozialwohnungen zu bauen. Der Beschluss erfolgt bereits im Jahr 2010 mit dem „Handlungskonzept Preiswerter Wohnungsbau“ – und das Ziel wurde seitdem Jahr für Jahr verfehlt.

 

Abbildung 3: In den Jahren 2015 bis 2019 angestauter Nachholbedarf (Quelle: Stadt Köln: Wohnen in Köln. Geschäftsbericht für das Jahr 2019, Köln, 2020)

Abbildung 3: In den Jahren 2015 bis 2019 angestauter Nachholbedarf (Quelle: Stadt Köln: Wohnen in Köln. Geschäftsbericht für das Jahr 2019, Köln, 2020)

Den angestauten Nachholbedarf berücksichtigen

Eine Berechnung des Nachholbedarfs auf Grundlage der Zielzahlen des StEK Wohnen (Abbildung 3) kommt für die Jahre 2015-2019 zu einer Lücke von 2.420 Wohnungen bzw. von 1.161 Sozialwohnungen. Legte man die Verabredungen im Kölner Wohnbündnis zugrunde (6.000 Wohnungen jährlich), wäre die Lücke deutlich größer. [6]
Über die Jahre hat sich in Köln also ein großer Nachholbedarf aufgestaut. Dieser muss in der Berechnung der Wohnungsnachfrage in Köln natürlich – anders als vom Gutachten nahegelegt wird (siehe 65 f.) –berücksichtigen werden.

Nicht jeder Neubau wirkt preisdämpfend

Das Gutachten behauptet, „dass man nicht zwangsläufig einfache, preiswerte Wohnungen bauen (!) muss, um das Wohnungsangebot an einfachen, preiswerten Wohnungen zu erhöhen. Denn jeder Neubau führt schon zu einer gewissen Entspannung des Marktes.“ (62, Herv. im Original)

Dieser Behauptung widersprechen wir entschieden. Es ist keineswegs so, dass „selbst der Neubau einer Luxuswohnung […] durch Umzugsketten von Haushalten in jeweils bessere Wohnungen schließlich am Ende der Umzugskette eine einfache, günstige Bestandswohnung frei [macht], in die ein bisher unterversorgter Haushalt einziehen kann.“ (65)
Das Gutachten hängt der schon wiederholt widerlegten Mär von sogenannten Sickereffekten auf dem Wohnungsmarkt an. Die Aussagen des Gutachtens haben mit der empirischen Realität in angespannten Wohnungsmärkten kaum etwas zu tun. [7]

Eigentumswohnungen für ein kaufkraftstärkeres Klientel sind der falsche Weg

So folgt für uns aus der Feststellung, „dass mit vermieteten Neubau-Eigentumswohnungen vorrangig ein kaufkraftstärkeres Klientel angesprochen werden wird“ (59) denn auch keineswegs, dass es erstrebenswert ist, dass „in Köln weiterhin 45% der fertig gestellten Geschosswohnungen Eigentumswohnungen sein sollen“. (59)
Im Gegenteil: Zur Bekämpfung des Wohnungsmangels ist darauf zu drängen, dass die knappen Flächen nicht für Eigentumswohnungen vergeudet werden.

Fazit zum Gutachten

Als Grundlage für die angekündigte Erarbeitung eines wohnungspolitischen Strategiepapier ist das Gutachten nur von geringem Nutzen. Die Orientierung auf das Basisszenario ist nicht zielführend, die wohnungspolitischen Annahmen sind teils zweifelhaft (Sickereffekte) und die Handlungsempfehlungen wirken zufällig und bleiben weit hinter dem StEK Wohnen zurück.

5. Anforderungen an eine soziale Wohnungspolitik in Köln

Aus unserer Sicht sind bei der Erarbeitung des wohnungspolitischen Strategiepapiers zunächst die Maßnahmen des StEK Wohnen auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen. Einige Maßnahmen werden bisher nur zögerlich umgesetzt – etwa die soziale Erhaltungssatzung –, andere sind von Beginn an zu wenig ausgestaltet – etwa das Handlungsfeld Altengerechtes und barrierefreies Wohnen. Ergänzend sind unter anderem folgende Anforderungen zu beachten:

Aufbau einer rein kommunalen Wohnungsbaugesellschaft

Es ist an der Zeit, der GAG AG ein kommunales Wohnungsunternehmen an die Seite zu stellen. Dieses Unternehmen sollte nach den Vorgaben der Stadt mietgünstige Wohnungen bauen. Nach Wiener Vorbild soll die Stadt Eigentümerin, Bauherrin, Vermieterin und Verwalterin ein einem sein.

GAG und WSK verbindlich in die Pflicht nehmen

Zudem gilt es, den Fehler des StEK Wohnen zu korrigieren, die städtisch dominerten bzw. städtischen Wohnungsbaugesellschaften (also die GAG Immobilien AG und die Wohnungsgesellschaft der Stadtwerke Köln mbH) nicht – nach Hamburger Vorbild – auf präzise bezifferte Beiträge zur Erreichung der wohnungspolitischen Ziele zu verpflichten.
Um diese Aufgabe bewältigen zu können, müssen die städtisch dominierten und städtischen Wohnungsgesellschaften bei der Vergabe städtischer Flächen, auch solcher, die durch Ausübung des Vorkaufsrechts erworben worden ist, vorrangig bedacht werden.

Kein Verkauf von städtischem Boden, Vergabe nur in Erbpacht.

Die Stadt muss eine aktive Liegenschaftspolitik betreiben. Hierzu zählt, dass sie verschiedene Instrumente aufeinander abgestimmt einsetzt: Es ist ein revolvierender Fonds einzurichten, um das kommunale Vorkaufrecht aktiv anwenden zu können. Städtische Grundstücke (und die Gründstücke städtischer Gesellschaften) werden grundsätzlich nicht mehr verkauft, sondern in Erbpacht vergeben.

Nachhaltige Siedlungsentwicklung

Der Rat hat sich zu den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 bekannt. Am 9. Juli 2019 hat er für Köln den „Klimanotstand“ erklärt. Damit hat er bestätigt, „dass die Eindämmung des vom Menschen verursachten Klimawandels in der städtischen Politik eine hohe Priorität besitzt und zukünftig bei allen Entscheidungen grundsätzlich zu beachten ist. Das muss auch Folgen für die Stadtentwicklungs- und Wohnungsbaupolitik haben.

Der Berufsverkehr zwischen Köln und dem Umland hat stetig zugenommen. Ein wichtiger Grund ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Köln, der Wohnungssuchende in das Umland abdrängt, während ihre Arbeitsplätze weiterhin in Köln sind. Wohnraummangel erzeugt also Mobilität, und hat nicht nur soziale und ökonomische, sondern auch ökologische Folgekosten.

Erforderlich ist auch eine engere interkommunale und regionale Zusammenarbeit in der Wohnungsmarktregion Köln und eine Siedlungsentwicklung, die sich vorrangig am öffentlichen Personenverkehr orientiert.

Welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf die Wahl der Wohnstandorte und das Verkehrsaufkommen hat, ist aktuell noch unklar. Diese Entwicklung ist im Blick zu behalten und bei der Siedlungsplanung zu beachten.

Fussnoten

 [1] Stadt Köln: Mitteilung „Gutachten zur Ermittlung des künftigen Wohnungsbedarfes und der Wohnungsnachfrage in Köln bis 2040 liegt vor: Weitere Vorgehensweise“ (Ds Nr. 3435/2020).

 [2] Siehe hierzu Abschnitt 4.

 [3] Die gleiche Einschätzung findet sich auch bereits im Stek Wohnen. Auch hier wurde festgehalten, dass in den Ein- und Zweifamilienhausgebieten der 1950er und 1960er Jahre der Generationenwechsel wirksam wird und sich deshalb bis 2030 quantitativ kein zusätzlicher Neubaubedarf für Ein- und Zweifamilienhäuser ergibt.

[4] Eine unter anderem Mark Twain, Niels Bohr und Winston Churchill zugeschrieben Erkenntnis.

 [5] https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61763/einkommensgruppen

 [6] Die Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichte 2018 eine Studie zu den in deutschen Großstädten fehlenden Wohnungen, in der für Köln ein Mangel von mehr als 80.000 bezahlbare Wohnungen errechnet wurde. Siehe: Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.) / Andrej Holm, u.a. (Bearbeitg.): „Wie viele und welche Wohnungen fehlen in deutschen Großstädten?“, Düsseldorf, 2018.

 [7] Für eine wirklich soziale Wohnungspolitik. Aufruf von Wissenschaftler*innen; veröffentlicht in: s u b \ u r b a n. zeitschrift für kritische stadtforschung, 2018, Band 6, Heft 2/3, S. 205-222, hier: 208 f.; siehe auch: Stefan Krätke: Stadt – Raum – Ökonomie: Einführung in aktuelle Problemfelder der Stadtökonomie und Wirtschaftsgeographie, Basel / Boston / Berlin, 1995, S. 200-205.

Quellen
Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61763/einkommensgruppen
Für eine wirklich soziale Wohnungspolitik. Aufruf von Wissenschaftler*innen; veröffentlicht in: s u b \ u r b a n. zeitschrift für kritische stadtforschung, 2018, Band 6, Heft 2/3, S. 205-222.
Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.) / Andrej Holm, u.a. (Erarbeitg.): „Wie viele und welche Wohnungen fehlen in deutschen Großstädten?“, Düsseldorf, 2018.
Kölner Wohnbündnis: Gemeinsame Initiative zur Förderung von Wohnungsneubau und Innenentwicklung, Beschleunigung und Qualität von Planungen und Bauvorhaben sowie zur Intensivierung von Zusammenarbeit und Dialog der Akteure der Kölner Wohnungswirtschaft, der Verbände und der Stadt Köln bis 2030, Köln, 2017
Stefan Krätke: Stadt – Raum – Ökonomie: Einführung in aktuelle Problemfelder der Stadtökonomie und Wirtschaftsgeographie, Basel / Boston / Berlin, 1995.
Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen (Auftragg.) / GEWOS Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung GmbH (Erarb.): Ergebnisbericht. Wohnungsmarktgutachten über den quantitativen und qualitativen Wohnungsneubaubedarf in Nordrhein-Westfalen bis 2040, Düsseldorf, 2019.
Stadt Köln: Pegel Köln 1/2013 „Bevölkerungsprognose 2040 – Wie lange wächst Köln?“
Stadt Köln: Handlungskonzept „Preiswerter Wohnungsbau“, Köln, 2009.
Stadt Köln: Stadtentwicklungskonzept Wohnen, Köln, 2015.
Stadt Köln: Kölner Statistische Nachrichten – 4/2019: Bevölkerungsprognose für Köln 2018 bis 2040. Mit kleinräumigen Berechnungen bis 2030, Köln, 2019.
Stadt Köln (Auftragg.) /empirica ag (Erarb.): Gutachten zur Ermittlung des künftigen Wohnungsbedarfes und der Wohnungsnachfrage in Köln bis 2040, Bonn, 2019.
Stadt Köln: Kölner Statistische Nachrichten – 5/2020: Kölner Wohnungsbau 2019: weiterhin viele Wohnungen im Bau, Köln, 2020.
Stadt Köln: Wohnen in Köln. Geschäftsbericht für das Jahr 2019, Köln, 2020.
Stadt Köln: Mitteilung „Gutachten zur Ermittlung des künftigen Wohnungsbedarfes und der Wohnungsnachfrage in Köln bis 2040 liegt vor: Weitere Vorgehensweise“, Ds Nr. 3435/2020

Autoren
Dr. Günter Bell: Stadtplaner, Sozialwissenschaftler, Geschäftsführer der Fraktion DIE LINKE im Rat der Stadt Köln, Sprecher der LINKEN. Köln
Christoph Besser: Mitglied im Unterausschuss Wohnen des Rates der Stadt Köln
Michael Weisenstein: Geschäftsführer der Fraktion DIE LINKE im Rat der Stadt Köln, Mitglied im Stadtentwicklungsausschuss des Rates der Stadt Köln, Mitglied im Aufsichtsrat der GAG AG