Kreisverband Köln

Didier Eribon: Ich bin ja nicht Heidegger

DIE LINKE. Kreisverband Köln zum Thema Sammlungsbewegung

Im Folgenden veröffentlicht DIE LINKE. Köln das Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von Andreas Kilb und Mark Siemons vom 30.09.2018 mit Didier Eribon. Dieses Interview ergänzt unsere Positionierungen und Kommentierungen zur Sammlungsbewegung #Aufstehen. 

Zwischenüberschriften und Bilder sind nicht Bestandteil des FAZ-Artikels. Sie wurden von unserer InternetRedaktion hinzugefügt.

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FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, 30. SEPTEMBER 2018, NR. 39

Foto von Didier Eribon Copyright Patrice NORMAND/Opale/Edition Fayard "PHOTO LIBRE DE DROITS POUR LA PRESSE" ...

Haben die Deutschen, mit ihrem Kult um die Herkunft, die „Rückkehr nach Reims“ falsch verstanden? 

Hat Sahra Wagenknecht eine Mitschuld an Chemnitz? 

Ein Gespräch mit dem Soziologen Didier Eribon

„Rückkehr nach Reims“ missverstanden?

Monsieur Eribon, ihre „Rückkehr nach Reims“ war in Deutschland ein Bestseller – in zwei Jahren wurden so viele Exemplare davon verkauft wie in Frankreich in neun Jahren. Dabei hat man den Eindruck, dass die politischen Fragen der „Rückkehr“ in der Rezeption hierzulande deutlich hinter den autobiographischen Bildungsroman zurücktreten, den Sie in Ihrem Buch erzählen. Haben die Deutschen Sie missverstanden?

Der Erfolg in Deutschland war natürlich sehr schmeichelhaft. „Heimat“ und „Herkunft“ stehen in dem Buch nicht im Mittelpunkt, es ist vielmehr die Klassenstruktur der französischen Gesellschaft. Ich bin ja nicht Heidegger. In „Rückkehr nach Reims“ geht es um die Machtverhältnisse zwischen den Klassen, die sich im Bildungssystem perpetuieren – darum, zu verstehen, was die französische Geschichte dauerhaft prägt und was sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Es geht um soziale Mobilität, Genderstrukturen, Bildungswege.

Wie ist Chemnitz zu erklären?

Sie beschreiben dann auch, was aus der früheren Arbeiterklasse geworden ist. Warum wählt das Prekariat heute Parteien, die nicht seine eigentlichen Interessen vertreten, sondern für Chauvinismus, Rassismus und weiteren Abbau des Sozialstaats stehen? Wie ist so etwas zu erklären, was in Chemnitz passiert ist?

Die Leute wählen diese Parteien, weil sie ihnen eine Erklärung dafür liefern, dass es ihnen schlecht geht. Ich weiß nicht genau, wer die Leute sind, die in Chemnitz demonstriert haben, welcher sozialen Klasse sie angehören. Offensichtlich gehören sie nicht zur Bourgeoisie. Aber es ist klar, dass es sich um einen strukturell ähnlichen Vorgang handelt. Die gemeinsame Erklärung für die Ereignisse in Deutschland und in Frankreich lautet, dass die linken Parteien den vom Neoliberalismus Abgehängten keine politische und kulturelle Identität mehr bieten. Die politische Kultur der Linken wurde durch den Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa zerstört. Eine Sache, die ich in „Rückkehr nach Reims“ zu zeigen versuche, ist dies: Wenn wir die Realität der sozialen Klassen leugnen und verdrängen, wird sie uns hinterrücks ereilen. Und genau das geschieht im Augenblick. Was in Chemnitz und anderswo passiert, ist eine Art Aufstand der unteren Schichten. Aus den Straßen wird dieser Protest dann in die Wahlurnen getragen. Die Kinder der kommunistischen Wähler wählen heute Le Pen, oder sie wählen gar nicht mehr. Wer spricht denn heute von den Verarmten, den Obdachlosen, den im Elend aufwachsenden Kindern? Marine Le Pen.

Aufstand gegen wen?

Warum richtet sich dieser Aufstand gegen Migranten und Ausländer statt gegen die Oberschichten?

Weil die linken Parteien, statt dem rechten Diskurs gegen Migranten zu widersprechen, mit diesem Diskurs zu spielen versuchen. Sie stimmen zu, dass Zuwanderung ein Problem ist, nur wollen sie es anders lösen. Ich bin sicher, dass die Demonstranten in Chemnitz nicht alle Neonazis waren. Aber indem die demokratischen Parteien die Ängste dieser Leute bestätigen, spielen sie den Rechten in die Hände. Sahra Wagenknecht ist mitverantwortlich für das, was in Chemnitz geschehen ist, weil sie die sogenannte Migrantenproblematik zum Bestandteil der linken Agenda gemacht hat. Sie ermuntert die Rechten, ihre eigene Agenda noch radikaler zu formulieren. Wagenknechts Aussage, sie sei gegen das Konzept offener Grenzen, ist sinnlos, denn die Leute kommen ja nicht hierher, weil es keine Grenzen gibt, sondern weil sie keine andere Wahl haben. Aber der Satz suggeriert, dass man mit ihr auch über Grenzzäune, Hunde und Internierungslager reden kann.

Wagenknechts #Aufstehen ⇔ verratene Arbeiterklasse?

Aber gleichzeitig hat sich Wagenknechts Bewegung „Aufstehen!“ zum Ziel gesetzt, eine neue linke Agenda zu begründen, den Primat des Ökonomischen gegenüber Themen, die sie als kulturell bezeichnet, wiederherzustellen . . .

Ich fühle mich in gewisser Weise verantwortlich für das, was sie jetzt tut. Vor zwei Jahren hat sie in einer Rede vor dem Bundestag aus „Rückkehr nach Reims“ zitiert. Wenn sie jetzt das Thema der verratenen Arbeiterklasse wieder auf den Tisch bringen will, hat sie völlig recht. Aber wenn Sie mein Buch richtig lesen, stellen Sie fest, dass ich keinen Gegensatz zwischen den Interessen der Arbeiterklasse und denen des Feminismus, Antirassismus, der LGBT-Bewegung und der Ökologie aufmache. Eine wirklich linke Partei kann nur all diese Themen gemeinsam angehen. Alles ist miteinander verknüpft. Menschen kommen aus fernen Ländern zu uns, weil der Klimawandel ihre Lebensgrundlagen zerstört. Ich habe persönlich nichts gegen Sahra Wagenknecht, ich würde ihr keinen Schokoladenkuchen ins Gesicht werfen, wie es ein Antifa-Aktivist getan hat. Aber wenn die politische Offenheit ihrer neuen Bewegung den Ausschluss von Migranten bedeutet, sind mir die alten Parteien lieber. Statt neuer politischer Bewegungen sollten wir lieber soziale Bewegungen stärken und ihre Impulse in die Politik tragen. Die Aufgabe einer Partei besteht darin, ein gedankliches Rahmenwerk zu schaffen, in dem alle diese Bewegungen – Arbeiter, Migranten, Gender- und LGBT-Aktivisten – mindestens teilweise repräsentiert sind. Daraus kann dann eine Kraft erwachsen, die soziale Transformationen bewirkt.

Europa lieben?

Gegen die sozialen und emanzipatorischen Bewegungen steht heute die Idee des Nationalen: der nationalen, aber auch der europäischen Identität. Europa umgibt sich mit Schutzzäunen und Seesperren, um die Interessen seiner Nationen zu schützen.

Wie sollen da länderübergreifende soziale Bewegungen in Gang kommen?

Ich hasse den Nationalismus, ich liebe Europa – aber nicht das Europa, das gerade stattfindet. Ich will ein soziales und kulturelles Europa, das sich der Einflüsse von außerhalb bewusst ist. Nicht nur die europäischen Staaten untereinander, auch Europa, Afrika und Amerika haben sich gegenseitig befruchtet. Ich leugne nicht das Risiko, das in einer Öffnung nach außen liegt. Aber Europa kann seine Ideen nicht mit Zäunen, Mauern und Lagern schützen. In so einer Welt will ich nicht leben. Was die italienische und die französische Regierung mit den Flüchtlingen im Mittelmeer tun, widert mich an. Statt uns einzumauern, sollten wir lieber die Reste des kolonialen Denkens bei uns und in kolonisierten Ländern bekämpfen. Der senegalesische Schriftsteller Felwine Sarr hat kürzlich in einem Essay beschrieben, wie sich selbst Afrikaner mit einer gesicherten ökonomischen Existenz auf den gefährlichen Weg nach Norden machen, weil sie von einer Zukunft in Europa träumen. Dieses Gefühl der Minderwertigkeit des eigenen und der Überlegenheit des fremden, westlichen Lebens muss verschwinden, wenn die Migrantenströme auf lange Sicht aufhören sollen.

Ökonomie von unten?

Aber es war nicht nur eine moralische Entscheidung, dass die Sozialdemokraten die Unterschichten vergessen haben, es steckt auch ein strukturelles Problem darin. Blairs und Schröders „Dritter Weg“ meinte, dass die Globalisierung den Linken keine andere Chance lasse, als sich auf kulturelle Themen zu konzentrieren, weil sich die Ökonomie selbst gar nicht mehr politisch beeinflussen lasse. Was meinen Sie zu dieser Sichtweise?

Ja, es ist ein strukturelles Problem, aber in einem anderen Sinn.

Bewegungen und marxistischer Diskurs

Als ich jung war, habe ich rasch gemerkt, dass für mich als junger Schwuler kein Platz war im marxistischen linken Diskurs. Das Gleiche galt für junge Frauen und für Anti-Rassisten. Alle diese Bewegungen entstanden außerhalb des marxistischen Diskurses oder sogar gegen ihn. Der marxistische Diskurs war so fokussiert auf die Arbeiterklasse und auf ökonomische Fragen, dass all diese neuen Bewegungen als sekundär angesehen wurden oder jetzt sogar verdächtigt werden, Komplizen des Neoliberalismus zu sein – was völlig absurd ist. Menschen haben diese Bewegungen initiiert, um ihr Leben zu verteidigen. Doch die Bewegungen waren nicht der Grund, weshalb die sozialdemokratischen Parteien die sozialen und ökonomischen Fragen vernachlässigt haben.

Wandel der Sozialdemokratie

Daran ist der Wandel dieser Parteien schuld. Früher kamen die Führer dieser Parteien aus der Arbeiterklasse, aber sehen Sie sie sich heute an: Sie sind alle, wenigstens in Frankreich, zu den gleichen Elite-Universitäten gegangen wie die Politiker auf der Rechten, sie haben die gleiche mentale Struktur. Deshalb ist die Arbeiterklasse für sie eine Sache der Vergangenheit. Heute müssen wir das Konzept von sozialer Klasse neu definieren. Aber das heißt nicht, dass man den Begriff ganz aufgeben dürfte.

Neues Konzept von sozialer Klasse

In Großbritannien und Frankreich sind gerade ein paar sehr gute Bücher etwa über Amazon erschienen. Was für Leute arbeiten eigentlich in dieser Art Kaufhaus? In Schottland sind ihre Löhne so niedrig, dass sie sich noch nicht einmal die Fahrt von ihrer Wohnung zu ihrer Arbeitsstelle leisten können. Sie übernachten in Zelten in der Nähe des Arbeitsplatzes. Sie haben auch nicht genug Geld, um ihre Familien zu ernähren. Man mag sagen, das ist keine Arbeiterklasse, weil sie nichts produzieren. Aber sie arbeiten, und sie werden ausgebeutet und unterdrückt.

Prekarisierung entmobilisiert

Es ist keine Überraschung, dass sie gegen Europa wählen, dass sie für den Brexit stimmen. Dasselbe findet in Frankreich statt: Die Leute arbeiten, aber sie haben kein Geld. Macron will „Billigjobs“ jetzt auch bei uns einführen, ein Albtraum. Die Leute fürchten um ihre Zukunft, um ihre Gesundheit, ihre Familie. Und wer prekarisiert wird, organisiert sich nicht. Wer Angst hat, seinen Job zu verlieren, kann sich nicht mobilisieren.

Europäische Gewerkschaften?

Eine solche Ausgangssituation hatte seinerzeit zur Gründung von Gewerkschaften geführt. Meinen Sie, dass die Europäisierung der Gewerkschaften eine Hoffnung sein könnte, wie sie jetzt zum Beispiel beim Streik gegen Ryanair stattfindet?

Tatsächlich: Eines der wichtigsten Dinge, die man sich wünschen muss, ist die Entstehung von Gewerkschaften auf europäischer Ebene. Wie können sich Leute bei Unternehmen wie Amazon oder Uber organisieren? Wenn man isoliert auf seinem Fahrrad sitzt, ist das nicht so einfach. Wer wird einen repräsentieren, wer wird für einen kämpfen? Wir brauchen Gewerkschaften, Vereinigungen, Organisationen. Wie geht das, wenn die Unternehmen international sind? Auch die Gewerkschaften müssen international, wenigstens europäisch sein. Das ist der einzige Weg, um sich gegen die Prekarisierung zu wehren.

Wagenknechts nationaler Irrtum?

Welche Möglichkeiten und welche Instrumente hat die Linke denn, um die Globalisierung politisch zu kontrollieren? Sahra Wagenknecht meint ja, das gehe nur innerhalb der Grenzen des nationalen Wohlfahrtsstaats.

Ich verstehe den Wunsch, die rechten Wähler für die Linke zurückzugewinnen. Aber die Vorstellung, dass man dies innerhalb der Grenzen der eigenen Nationalität oder Identität tun könnte, ist ein großer Irrtum. Wir haben internationale Mächte gegen uns: internationale Finanzorganisationen und Konzerne. Wenn wir nur die Wohlfahrt innerhalb unserer eigenen Nation verteidigen wollen, werden wir geschlagen. Die extreme Rechte ist tief nationalistisch, aber auch sie organisiert sich auf internationaler Ebene. Wir brauchen eine neue Internationale der Linken.

Neue Internationale der Linken?

Brauchen wir also noch mehr internationale Institutionen?

Genau. Institutionen, die so international sind wie die Vereinten Nationen und die Unesco.

Internationale Arbeiter-Organisation

Man könnte sich eine internationale Organisation vorstellen, die die Rechte der Arbeiter verteidigt, mit Rechtsanwälten, Beamten et cetera. Die europäische Agenda bestünde dann nicht länger darin, den Wohlfahrtsstaat zu demontieren. Statt die Löhne zu senken und die Rechte einzuschränken, sollten sie angehoben und ausgeweitet werden. Ich bin gegen die Idee eines linken Populismus mit seinem Begriff vom „Volk“. Wie wir im Moment merken, kann ein Slogan wie „Wir sind das Volk“ von jedem benutzt werden, mit jedweder Agenda. Wenn eine Partei die Arbeiterklasse, die Wähler, wieder für sich zurückgewinnen will, dann sollte sie versuchen, die Einstellung der Leute zu verändern.

Arbeiterklasse ⇔ soziale Bewegungen

Man kann nicht sagen, wir sind für die Arbeiterklasse, also distanzieren wir uns vom Feminismus. Für mich muss die Linke der Ort sein, an dem soziale Bewegungen versuchen, gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen – gegen Diskriminierung, gegen Segregation, gegen Rassismus, gegen Unterdrückung. Man kann eine Arbeiterin sein, die versucht, den Wohlfahrtsstaat zu verteidigen und gleichzeitig ihre Rechte als Frau, zum Beispiel zur Abtreibung. Man kann ein schwuler Arbeiter sein, der seinen Partner heiraten will, der ein Migrant ist und deshalb, weil er nicht die Staatsbürgerschaft hat, nicht heiraten darf. Alles ist miteinander verbunden. Die Linke muss ihre Energie aus all diesen verschiedenen Bewegungen beziehen, statt sich ihnen entgegenzustellen.

Interview Andreas Kilb und Mark Siemons
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