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Karl Küpper: der mutigste Karnevalist von Köln

Wider alle spätere Widerstandsrhetorik gab es doch einen Kölner Karnevalisten, der sich ganz real mit der Obrigkeit anlegte. Und das mit der nazi-faschistischen und danach mit der Adenauer-Regierung, unter der in der Bundesrepublik die alten Nazis klammheimlich wieder die angestammten Positionen einnahmen. Allerdings geht in Köln die Legende um, dass der ganze heimische Karneval liberal und weltoffen, daher von Natur aus widerständig gewesen sei. Man kostümierte sich in der Rückschau ganz unverfroren als „energische Opposition“ in braunen Zeiten. Wie weit es damit her war, machte das Verschweigen, ja die Verleugnung des berühmtesten Büttenredners Kölns bis in die 1990er Jahre offenkundig. Stand der bereits 1970 Verstorbene doch über seinen Tod hinaus für den stillen Vorwurf, dass man nicht Komplize sein musste! Dies aber würdigt der Kölner Historiker Fritz Bilz mit seiner Schrift und entreißt Karl Küpper dem bequemen Vergessen.

Posthume Würdigung des widerborstigen Karnevalisten

Zu Karl Küppers Leben (1905-1970) und Wirken hat er bereits 2010 das reichhaltig illustrierte Buch „Unangepasst und widerborstig“ vorgelegt. Es ist im letzten Jahr  in einer erweiterten 2. Auflage von der Geschichtswerkstatt Kalk 2018 im Verlag „Edition Kalk“ der Buchhandlung Winfried Ohlerth herausgegeben worden. Das Buch dokumentiert auch Originalreden, Lieder und Gedichte aus der karnevalistischen Karriere des „Verdötschten“ (Verbeulten). Diese wurden von seinem Sohn Gerhard Küpper ebenso zur Verfügung gestellt wie zahlreiche,  bisher unbekannte Privatfotos. Diese Materialen machen das gut lesbar geschriebene Buch sehr anschaulich.

„D`r Verdötschte“ als Markenzeichen von Karl Küpper

Karl Küpper knüpfte an der widerspenstigen Tradition des Volkskarnevals an; hierfür steht seit alters her auch der am Hofe geduldete Narr. Schon mit 21 Jahren begann er schrittweise seinen Urtyp im „Verdötschten“ herauszuarbeiten, wie er in einem Interview 1953 erzählte: mit Hut, schwarzer Perücke, Rundbrille, beweglicher Gumminase, weiß geschminktem Mund und kariertem Hemd. Er stellte sich nicht oben in die Bütt, sondern setzte sich an den Rand. Damit machte er deutlich, dass er sich nicht vereinnahmen lassen wollte – eine gestische Demonstration seiner Unabhängigkeit.

Unterwerfung des institutionalisierten Karnevals nach 1933 unter die Nazi-Ideologie

Küppers erste, noch weitgehend unpolitische Reden knüpften eher an den allgemeinen national-konservativen Zeitgeist an. Mit Forderungen an die Franzosen „Macht den Rhein frei“ oder Spitzen gegen den Völkerbund. „Dä verdötschte Zeppelinberichterstatter“ brachte  für ihn 1931 den Durchbruch; die Rede wurde auf der ersten Seite im „Kölner Karnevals Ulk“ abgedruckt. Dieser veröffentlichte als offizielles Organ des Festkomitees auch antidemokratisch durchtränkte Texte führender Kölner Karnevalisten. Entsprechend willfährig arrangierten sich diese seit der Machtübernahme 1933. Und das trotz einiger Unstimmigkeiten. In der so titulierten „Narrenrevolte“ bezahlten die Kölner Karnevalspräsidenten jedoch ihre formelle Unabhängigkeit mit einer weitgehenden inhaltlichen Unterwerfung. Dazu gehörten rituelle Lobpreisungen auf den Führer ebenso wie die prozedurale Einbeziehung von örtlichen Nazigrößen.  Am deutlichsten kam diese Vereinnahmung im grassierenden Antisemitismus und der sich steigernden Judenhetze zum Ausdruck: nicht nur bei etlichen Büttenrednern und Krätzgessängern, anschaulicher noch auf den Veedels- und Rosenmontagszügen mit rassistisch ausstaffierten Wagen und Personengruppen.

Die herausragende Stellung Küppers in Köln

Fritz Bilz hebt hervor, dass Karl Küpper sich nicht instrumentalisieren ließ. Seine spätere Frau berichtete, dass er das von einem Parteigenossen angediente Parteiabzeichen aus dem Fenster geschmissen habe. Dennoch trat er als bekanntester und bestbezahlter Karnevalist Kölns bei allen großen Traditionsgesellschaften auf, darüber hinaus aber auch vor Ort in Kalk, Nippes und Poll, ferner bei Pfarrsitzungen und Kameradschaftsfesten sozialer Gruppen, hier  auch ohne Gage. Aufgrund seiner Popularität mochte selbst die NSDAP im Winterhilfswerk und der Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ nicht auf ihn verzichten. In den euphorischen Berichten über einzelne Sitzungen zeichnet sich seine einmalige, unerreichte Stellung ab. Diese wurde in anderen Hochburgen des Karnevals, etwa in Mainz und dem Münchener Fasching, ebenfalls gewürdigt.

Küppers unnachahmliche ironische Sentenzen

Küpper stellte seine distanzierte Haltung zum NS-Regime auf der Karnevalsbühne zwischen 1933 und 1939 teilweise subtil, teilweise auch offen zur Schau. Er verstand sich zwar nicht als Widerständler, reizte aber seine Spielräume in der Bütt aus. Fritz Bilz führt dazu aus:  „Bei jedem  seiner Auftritte machte er den „Deutschen Gruß“ lächerlich. Er sprang auf die Bütt, hob den rechten Arm und fragte „Ess et am räne?“ (Regnet es?). Dann gab er selbst die Antwort: „Nä, su e Wedder!“ (Nein, so ein Wetter) und ballte dabei die rechte Hand zur Faust. Das war das Zeichen der kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Eine andere Antwort auf die selbst gestellte Frage war: „ Do müsse mer jo der Schirm opmache“, wobei die Schirmhaltegeste … ebenfalls an die Faustgeste der Arbeiterbewegung erinnerte. Eine andere Variante über den „Deutschen Gruß“ zeigte er mit folgender Redewendung bei ausgestrecktem Arm: „Nä, nä, su huh litt bei uns dä Dreck em Keller!“ (Nein, nein, so hoch liegt bei uns der Dreck im Keller).“  Erscheint uns Nachgeborenen solch ein Mut im närrischen Treiben nicht ganz erstaunlich? 

Weitere Zuspitzungen in seinen großen Reden

In seinen sechs großen Reden vor dem Krieg wie dem „Berichterstatter aus Abessinien“ (1936) machte er sich neben antisemitischen und antikommunistischen Kalauern zugleich derart über die Nazis lustig, dass er von der Gestapo verhaftet und zusammengeschlagen wurde. Wieder frei gelassen ergänzte er seine Rede: “Ich han en Krakehlkopfentzündung. Fünf Zäng, die mohten eraus. Die han ich m`r durch die Nas trecke loße! Ich mache de Muhl nit mih op!“ Weitere Ziele seiner Kritik waren das Winterhilfswerk und die nationalsozialistische Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ sowie die Nazigrößen Robert Ley und Herrmann Göring. Er forderte die Mächtigen im Lande durch Nonsenssprüche, Blödeleien und in Wortspielen heraus: „Es stand ein Baum am Waldesrand und war organisiert. Er war im NS-Baumverband, damit ihm nichts passiert.“(66)

Lebenslängliches Redeverbot nach dem “Heimtückegesetz”

So kam es, wie es kommen musste. Zunächst versuchten ihn die Nazis und ihre Helfershelfer im institutionalisierten Karneval totzuschweigen. Seine jeweiligen Auszeichnungen und Ordensverleihungen fanden nicht mehr Eingang in die örtliche Presse. Die Ventilfunktion seines politischen Witzes wurde ab 1938 im Zuge verstärkter Kriegsvorbereitungen immer weniger geduldet. Goebbels verkündete am 25. November: „Nichts gegen harmlose politische Ulkerei, die aus dem Herzen kommt. Wir können uns auch mit Witz zur Wehr setzen. Aber irgendwo ist der Spaß zu Ende …“ (69). Nach einigen Warnhinweisen wurde er durch das Sondergericht Köln am 22. August 1939 zu lebenslänglichem Redeverbot und täglicher Meldung in der Gestapo-Zentrale Köln verurteilt. Nach dem „Heimtückegesetz“ wurden ihm folgende Verfehlungen angelastet: die Verächtlichmachung des „Deutschen Grußes“, der Person Görings, der Person Leys durch Nachäffen seiner heiseren Stimme, der Achse Rom-Berlin, von Kriegseinrichtungen und des Winterhilfswerks.

Rettung durch freiwillige Meldung beim Militär

Doch Küpper konnte es nicht lassen. Nach weiteren Auftritten in privaten Sitzungen wie im „Bergischen Löwen“ in Bergisch-Gladbach im Juli 1940 bekam er die Warnung eines ihm wohl gesonnenen Gestapomannes, sich seiner unmittelbar bevorstehenden Verhaftung durch Meldung zum Dienst beim Militär zu entziehen. Darauf reagierte er sofort. Gewissermaßen eine Flucht ins Militär! Nunmehr bei der Truppenbetreuung in der Luftwaffe eingesetzt, konnte er seiner angestammten Tätigkeit mit der Kölner Gesangsgruppe „Vier Botze“ weiter nachgehen. Küpper machte sich nach dem Westdeutschen Beobachter als „Freudenspender im feldgrauen Rock“ unentbehrlich. Letztendlich bewirkten die kriegsbedingten Erfordernisse einer Aufmunterung der Bevölkerung sogar die Aufhebung des lebenslang verhängten Redeverbots. So konnte er insbesondere in Rundfunksendungen buchstäblich überwintern.

“Persilscheine” in den Nachkriegsjahren

Nach den Zerstörungen des Krieges, etwa 70% in der Stadt Köln, in der Altstadt sogar um 90%, wollte sich niemand mit seinen eigenen Verstrickungen befassen. Angesichts der schlechten Ernährungslage ging es um das Überleben. Dennoch war es schon ein starkes Stück, wie sehr sich führende Karnevalisten als Widerstandskämpfer darstellten. Küppers Frau erinnerte sich: “Es wurde gelogen, dass sich die Balken bogen.“ Hierauf hatte der von den Nazis geschasste Bürgermeitser Konrad Adenauer schon im März 1946 eingestimmt, als er die Bürger der so schwer getroffenen Stadt Köln freisprach, weil nirgendwo „dem Nationalsozialismus bis 1933 so offener und seit 1933 so viel geistiger Widerstand geleistet“ worden sei (90).  Noch 1997 wurde diese These von Karnevalsoberen vertreten. Solche Retuschen und andere „Fakes“ nimmt Karl Küpper bereits in seinem ersten Auftritt im September 1945 vorweg – etwa in der Mär vom Beginn des Zweiten Weltkriegs: „Gib mir vier Jahre Zeit, und du wirst mich nicht mehr wiedererkennen. Op eimol gov et e Knall. Und seit heute morgen fünf Uhr wird zurückgeschossen. Wie m`r dä uns opgezwungene Kreeg angefangen han, hat ich m`r grad en Pief angemaht.“

Zur nachlebenden Blut- und Bodenideologie im „unpolitischen“ Karneval

Entsprechend machten einige völkische Blut- und Bodenideologen mit der Lobpreisung des Kölnischen Brauchtums weiter, wo sie zunächst aufhören mussten. Hierzu führt der amtliche Leiter des 1946 eingerichteten Amtes einige Jahre später aus: „Trotz aller im Laufe der Zeit erfolgten Vermischungen haben sich die deutschen Stämme  bis auf den heutigen Tag als natürliche, aus vorwiegenden Erbmassen entstandene Einheiten erhalten.“ Dies verlange eine Volkstumpflege, so führt derselbe noch 1961 oder schon wieder aus, eine dauernde Erziehungsarbeit, um „Schädliches auszumerzen und nicht Genügendes höher zu entwickeln“ (104f.). In solch historischer Kontinuität sollte der völkisch konditionierte Karneval jedoch zugleich von aller Politik abgeschirmt werden.

Der Eklat mit „restaurierten“ Obrigkeiten

Angesichts ähnlicher Vorstellungswelten im Festkomitee Kölner Karneval begann Karl Küpper seine Rede „D`r verdötschte Funk-Reporter“ am 1. Januar 1952 mit dem Hitlergruß: „Er eß ald widder am rähne!“ als Hinweis auf das Wiederaufleben vergangener Zustände. Zudem geißelte er die hohen Wiedergutmachungsanträge ehemaliger Großagrarier und Rittergutsbesitzer in Köln: „Schade. Dass sie hier nicht allein sind. Et sinn noch zovil Kölsche do.“ Angesichts weiterer politischer Anspielungen auf die britische Besatzungspolitik und die Sperrung des Suezkanals war der Eklat über die laufenden  „Entgleisungen“ und „Verunglimpfungen“ von Politikern vorprogrammiert. Über die Empörung in städtischen und Karnevalsgremien hinaus diskutierte auch das Bundeskabinett über rechtliche Schritte gegen die „zersetzenden und gehässigen Satiren“ bei karnevalistischen Veranstaltungen, soweit diese nicht die „Ostzone“ oder die „Russen“ betrafen.  Diese wurden zwar im Falle von Küpper als kontraproduktiv erkannt, doch weitere Engagements eingeschränkt. 

Plakette zu Ehren von Karl Küpper an der Kalker Hauptstraße 215

Trotz aller Zensur große Erfolge in den 1950er Jahren

Trotz aller Auseinandersetzungen um seine politischen „Klartexte“ setzte sich im Laufe der 1950er Jahre die karnevalistische Meisterschaft Karl Küppers wieder durch. Bald trat er in allen bedeutenden Traditionsgesellschaften und bei den Prinzenproklamationen auf, aber auch in Deutz, Kalk, Nippes und Ehrenfeld, bei einzelnen Berufsgruppen, Kriegsbeschädigten und Waisenkindern. Die aufbrechende Begeisterung fand für die „urwüchsigste, witzigste und unnachahmliche Type“, den „Eisbrecher“ und „Höhepunkt“ des Kölner Karnevals einen vielfachen Niederschlag in der Kölner Presse (112-114). Doch seine wiederholt kritischen Einlassungen über die restaurativen Bestrebungen wurden in späteren Radiosendungen geschnitten und der Weg ins Fernsehen versperrt. Es sei denn, er ließe die Politik aus dem Spiel. Das wollte er nicht, bezeugt sein Sohn Gerhard. Worauf er sich schon während des Nationalsozialismus nicht einlassen wollte, konnte er in der demokratisch installierten Bundesrepublik schon gar nicht akzeptieren.

Rückzug als Wirt im Zwiespalt mit der etablierten Gesellschaft

Karl Küpper zog sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zunehmend aus dem Karneval zurück. Er konnte von seinen Einkünften in der Karnevalszeit mit seiner Frau Sophie und den beiden Söhnen Gerhard und Karl nicht das ganze Jahr leben. Seinen Beruf als Drucker- und Schriftsetzer mit Meisterdiplom in dem Betrieb seines Vaters übte er nach dem Krieg nicht mehr aus. Seine Kleidergeschäfte in Köln-Kalk und Ehrenfeld gingen dank Unterschlagungen eines Geschäftsführers in Konkurs. So nahm er das Angebot der Brauerei Sünner an, in Höhenhaus eine große Gaststätte mit Gartenrestauration und großem Saal zu übernehmen. Sie bot zwar Gelegenheit für aufwendige Veranstaltungen, aber ihr Management bis zu zehn Kellnern im Sommer war zu aufwendig. So ging er mit Hilfe der Kölner Bank 1960 wieder nach Kalk in das entsprechend umgebaute Weinhaus Holl. Es zog mit den schönsten seiner unzähligen, in Vitrinen aufgehängten Karnevalsorden ebenso seine alten karnevalistischen Weggefährten wie Kalker Einheimische nach der Arbeit an. Dennoch blieb er verbittert darüber, dass er in der Kölner Gesellschaft und den Karnevalsvereinen nur wenig Dank für sein aufrechtes Verhalten in der NS-Zeit erfahren hatte. Er starb am 26. Mai 1970 in einem katholischen Krankenhaus.

Karl-Küpper-Platz, Köln © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Karl-Küpper-Platz, Köln-9609, CC BY-SA 4.0

Die späte Anerkennung Karl Küppers

Die zu Lebzeiten versagte Anerkennung sollte Karl Küpper jedoch später noch zuteilwerden. Die „Stunksitzung“ des alternativen Karnevals nahm 1984 die Tradition des politischen Karnevals wieder auf. Obwohl wissenschaftliche Publikationen schon Küppers kritisches Verhalten erwähnt hatten, erinnerte erst 1993 der Kölner Stadt-Anzeiger wieder an den aufrechten Karnevalisten. Die AG “Arsch huh, Zäng ussenander!“ ließ 1997 in einer Veranstaltung zugunsten des NS-Dokumentationszentrums Köln wieder Reden von Karl Küpper lebendig werden. Seit  April 2011 ziert eine Plakette das Haus seines letzten Wohnortes in der Kalker Hauptstraße 215 und seine Heimatstadt hat nun auch einen Platz zu seinen Ehren benannt.

Fritz Bilz resümiert in seinem eindrucksvollen Buch, dass  die Erinnerung an Karl Küpper zeige, dass es auch in schwierigen Zeiten möglich ist,  öffentlich eine kritische Grundeinstellung wider alle Anpassung bewahren zu können. Ein Vermächtnis gerade gegenwärtig wieder von zeitübergreifender Aktualität!

Allen Freundinnen und Freunden Kölns und des Kölner Karnevals sei die Schrift wärmstens empfohlen!