Kreisverband Köln

15.01.2019 – 100. Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg

Am 15. Januar 1919 verhafteten in Berlin Freikorpssoldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter dem Hauptmann Waldemar Pabst die Führer des Spartakusbundes Rosa Luxemburg (1871-1919) und Karl Liebknecht (1871-1919). Verschleppt, verhört und misshandelt im Hauptquartier des Freikorps wurden diese anschließend an unterschiedlichen Orten erschossen: Liebknecht angeblich auf der Flucht hinterrücks im Tiergarten; Luxemburg in dem sie abtransportierenden Wagen, ihre Leiche in den Landwehrkanal geworfen und erst Ende Mai 1919 gefunden.
Symbolisch wurde die Marxistin in einem leeren Sarg mit Liebknecht und weiteren 31 Opfern des Januaraufstandes auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde zu Grabe getragen. Der Trauerzug gipfelte in einer Massendemonstration der USPD und KPD. Ein Kriegsgericht sprach die maßgeblich an den Morden beteiligten Offiziere im Mai 1919 frei. Das auf große Empörung stoßende Urteil war vom sozialdemokratischen Reichswehrminister Gustav Noske unterzeichnet worden. Es besiegelte die Zusammenarbeit der Mehrheitssozialdemokratie mit den geschlagenen militärischen Kräften und die einsetzende Spaltung der Arbeiterbewegung.

Karl Liebknecht: entschiedener Kämpfer gegen Militarismus und Krieg

Karl Liebknechts Vater Wilhelm gehörte mit August Bebel zu den Gründern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Karls Taufpaten waren Karl Marx und Friedrich Engels. 1897 promovierte er als Jurist. In Aufsehen erregenden Strafprozessen prangerte er die Klassenjustiz des Kaiserreichs und die brutale Behandlung von Rekruten beim Militär an. 1900 trat er in die SPD ein. Für deren Jugendarbeit veröffentlichte er die Schrift “Militarismus und Antimilitarismus,” für die er zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt wurde. Bald war er einer der ersten sozialdemokratischen Abgeordneten im preußischen Landtag und danach einer der jüngsten im Reichstag. Dort trat er ebenso entschieden gegen die Bewilligung von Steuermitteln für die Heeres- und Flottenrüstung wie gegen die imperialistischen Kriegsvorbereitungen auf.

Rosa Luxemburg: marxistische Internationalistin gegen bürgerlichen Nationalismus

Rosa Luxemburg wuchs in einer jüdischen Familie im russisch besetzten Teil Polens auf. Sie erhielt eine umfassende humanistische Bildung und lernte neben Polnisch, Deutsch und Russisch auch Latein und Altgriechisch. Französisch sprach sie fließend, konnte Englisch lesen und Italienisch verstehen. Nach dem Abitur als Klassenbeste absolvierte sie ein umfassendes Studium der geistes- und natur-, rechts- und staatswissenschaftlichen Fächer, das sie mit einer Promotion zur industriellen Entwicklung Polens abschloss. Als die zaristischen Polizei – Polen gehörte zum Zarenreich –  ihre Mitarbeit in verbotenen politischen Gruppen aufgedeckt hatte, musste sie fliehen. In Zürich fand sie rasch Kontakt zu deutschen, polnischen und russischen Emigrantenvereinen. Sie vertrat eine strikt internationalistische Orientierung und hielt den als bürgerlich verstandenen Nationalismus mit den Sozialismus für unvereinbar.

Luxemburg und Liebknecht: revolutionäre Agitation gegen den ersten Weltkrieg

In Deutschland trat sie der SPD bei und beteiligte sich als Vertreterin des linken Flügels an dem heftig geführten „Revisionismusstreit“. Gegenüber der Vorstellung eines schrittweisen Hinüberwachsens in den Sozialismus bestand sie auf einer klassenkämpferischen Machtübernahme. Zugleich kritisierte sie das zentralistische Parteikonzept Lenins. Nach der russischen Revolution von 1905 warnte sie ebenso wie Liebknecht immer wieder vor dem deutschen Militarismus und Imperialismus. Sie rief die europäische Arbeiterklasse zu gemeinsamem Handeln in Generalstreiks auf. Aufgrund der Antikriegsagitation kam sie in Deutschland ab Juli 1914 für 14 Monate ins Gefängnis.  Liebknecht wurde zwei Jahre später auf Grund seiner Ablehnung der Burgfriedenspolitik wegen „Kriegsverrat“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

Sich im Kriegsverlauf verschärfende Gegensätze in der Arbeiterbewegung

Als die sozialdemokratische Reichstagsfraktion 1914 den Kriegskrediten zustimmte, widersprach sie damit allen zuvor in der deutschen und europäischen Arbeiterbewegung bekundeten Grundsätzen, sich nicht am imperialistischen Krieg zu beteiligen. Die kleine Schar der Kriegsgegner in der SPD-Fraktion um Liebknecht fühlte sich an die Regeln der Partei- und Fraktionsdisziplin gebunden. Die hatten sie selber zuvor gegenüber dem revisionistischen Flügel durchgesetzt. So beugten sie sich zunächst der Mehrheit der Fraktion. Während die Gewerkschaften einen unbeschränkten Streik- und Lohnverzicht erklärten, war bei vielen Arbeitern zwischen Juli und August 1914 ein rascher Stimmungsumschwung erkennbar. Ihr kritisches, in ihren Organisationen vermitteltes Bewusstsein erlag einem klassenübergreifenden “patriotischen” Kriegswahn.

1914: Linke Sozialdemokraten bilden die “Gruppe Internationale”

Luxemburg bildete mit weiteren SPD-Linken am 5. August 1914 die Gruppe Internationale, der sich wenig später auch Karl Liebknecht anschloss. Daraus ging die reichsweite „Spartakusgruppe“ hervor, die eine innerparteiliche Opposition gegen die Politik des sozialen Burgfriedens aufzubauen versuchte. Weitere aus der Fraktion ausgeschlossene Abgeordnete bildeten die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft. Angesichts abenteuerlicher Annexionsziele der herrschenden Klassen und sozialer Verschlechterungen häuften sich spontane Streikbewegungen und Hungerdemonstrationen im Verlauf des andauernden Krieges.

1918: Kriegsmüdigkeit und Streiks breiten sich aus

Die Widerstände in der SPD setzen erste Akzente gegen den Krieg. Rasch wurden sie von der sich ausbreitenden Kriegsmüdigkeit in wachsenden Teilen der Bevölkerung überholt. Und das in der Heimat ebenso wie an der Front, wo viele Millionen Soldaten grausam umgekommen waren. Noch befördert durch Mangelwirtschaft und Lohnverzicht kam es seit den Januarstreiks 1918 in vielen Städten zu Massenprotesten und Massenstreiks gegen den Krieg und die Monarchie.

Kriegsgegner organisieren sich

Die zuvor ausgeschlossenen Kriegsgegner gründeten die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), der sich der Spartakusbund mit eigenem Gruppenstatus anschloss. Aus ihm ging zum Jahresende 1918 mit weiteren Gruppen die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) hervor. Im Zuge der sich revolutionierenden Massenbewegungen entstanden in den Betrieben eigene organisatorische Kerne: Betriebsvertrauensleute-Kader. So gewannen in der Metallindustrie, deren kriegswichtige Arbeiter nicht an der Front verheizt werden konnten, die „Revolutionären Obleute“ im großen Januarstreik 1918 eine zentrale Rolle. Sie wurden inspiriert erst durch die russische Februar-Revolution und dann besonders die Oktoberrevolution mit ihren Arbeiterräten (Sowjets) als Regierungsorganen.

Oberste Heeresleitung versucht die Niederlage den demokratischen Kräften in die Schuhe zu schieben

Als sich im August 1918 die Niederlage im Weltkrieg abzeichnete, beteiligte im August 1918 die kaiserliche Regierung auf Verlangen der Obersten Heeresleitung (OHL) zu ihrer eigenen Entlastung den Reichstag an ihren Entscheidungen. Diese Manöver sollten eine parlamentarische Monarchie mit der MSPD unter Führung von Friedrich Ebert installieren. Noch weigerten sich die bürgerlichen Parteien der Forderung eines Frauenwahlrechts nachzugeben, geschweige einen Umbau der Gesellschafts- und Staatsordnung einzuleiten, wie ihn immer größere Arbeitergruppen forderten: sofortige Brechung der Vorherrschaft der Großindustrie und des monarchischen Systems als Verantwortlichen des Krieges.

Wilhelmshaven 6.11.1918: Soldatenrat des Linienschiffes “Prinzregent Luitpold” Quelle: Zentralbild/IML

Die Matrosen beginnen den Aufstand gegen Kaiser und Krieg

In Berlin beginnt am Morgen des 9. November 1918 der Generalstreik und der bewaffnete Kampf. Die Soldaten verbrüdern sich mit den revolutionären Arbeitern. Die Monarchie und die kaiserliche Regierung wird gestürzt. Demonstrationen am 9.11. in Berlin, Unter den Linden Quelle ADN-ZB/Archiv Bundesarchiv Bild 183-18594-0045

Noch im Sommer 1917 endete der Matrosenstreik mit Todesurteilen gegen die Matrosen Albin Köbis und Max Reichpietsch, die in Köln in der Wahner Heide erschossen wurden. Anfang November 1918 erhielt die Flotte in Kiel und Wilhelmshaven den Befehl, auszulaufen, um sich “ehrenhaft” im Gefecht von den weit überlegenen Briten versenken zu lassen. Aber die Matrosen wollten leben und ihre Meuterei ging in einen spontanen Massenaufstand über. Er pflanzte sich von Stadt zu Stadt fort, bis am 9. November in Berlin Philipp Scheidemann vor dem Reichstagsgebäude die „freie deutsche Republik“ und nahezu gleichzeitig Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Schlosses eine „freie sozialistische Republik Deutschland“ ausriefen.

Mehrheitssozialdemokratie verbündet sich mit der Obersten Heeresleitung gegen die Revolution

MSPD-Chef Friedrich Ebert hatte sich am Abend des 10. November mit dem faktisch von Ludendorff eingesetzten Nachfolger, General Wilhelm Groener, auf eine Zusammenarbeit mit der Obersten Heeresleitung gegen Versuche einer weitergehenden Revolution verständigt. Während dessen schlossen die Gewerkschaftsspitzen ein Arbeitsgemeinschaftsabkommen mit den Unternehmerverbänden (Legien-Stinnes-Abkommen). Fortschrittliche Reformen wie das Frauenwahlrecht und sozialpolitische Konzessionen wie Achtstundentag, Tarifverträge, Legalisierung von Betriebsräten wurden angenommen, um die populären Forderungen nach Sozialisierung zumindest der Montanindustrie und Banken sowie ein Rätesystem nach russischem Vorbild zu abzuwehren.

Das für den Weltkrieg verantwortliche Establishment des Kaiserreiches bleibt in seinen Machtpositionen

Der Vollzugsrat der Berliner Betriebs- und Soldatenräte und später der Rat der Volksbeauftragten übten zunächst die formelle Macht aus. Faktisch aber blieben der Beamtenapparat der Monarchie und die Oberste Heeresleitung mit ihrem Offizierskorps unangetastet. Ganz zu schweigen von dem preußischen Herrschaftssystem aus ostelbischem Junkertum und Industriebaronen an der Ruhr. Mehr noch: der vom 16.-21. Dezember in Berlin tagende Erste Allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands, überwiegend aus MSPD-Vertretern als Spiegelbild des mehrheitlichen Arbeiterwillens, beschloss mit Wahlen zu einer Nationalversammlung am 19. Januar zugleich seine Selbstentmachtung.

Die Mehrheitssozialdemokratie kann mit der Revolution, die sie an die Macht brachte, nichts anfangen

Die Paradoxie bestand darin, dass der Sieg der Revolution mit ihren Rätestrukturen gegen den erklärten Willen der rechtssozialdemokratischen Führungsgruppen erfolgte. Trotzdem wurden die von den Arbeiter- und Soldatenräten in einem weithin geteilten Einheitsverständnis bestätigt. Die zurückkehrenden Soldaten der sich auflösenden Armee fühlten sich größtenteils der MSPD ebenso wie den traditionellen Forderungen einer parlamentarischen Demokratie verpflichtet. Lenin soll gespottet haben: “Wenn deutsche Revolutionäre einen Bahnhof besetzen, lösen sie vorher eine Bahnsteigkarte.” Für das Denken der Führungsgruppen der MSPD war das sicher treffend. Für sie galt es vor allem, im Interesse von Ruhe und Ordnung ein „bolschewistisches Chaos“ zu vermeiden. Statt eine gesellschaftliche Demokratisierung voranzutreiben und die Stützen des Kaiserreichs zu entmachten, verbündeten sie sich mit nicht demobilisierten Truppenteilen wie dem Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die zur Niederschlagung von Arbeiteraufständen herbei beordert wurden.

Revolutionäre Obleute lassen sich provozieren

Liebknecht ruft am 5. Januar 1919 zum Aufstand auf

Formal waren MSPD und USPD in der Revolutionsregierung zunächst gleichberechtigt. Doch begann die MSPD unverzüglich, die linken Kräfte auszuschalten. Als der sozialdemokratische preußische Innenminister am 4. Januar 1919 den Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn vom linken Flügel der USPD absetzte, riefen die ihm politisch nahestehenden, aber unabhängigen Revolutionären Obleute am folgenden Tag zu einem von der Spartakusgruppe unterstützten Generalstreik auf und begannen mit der Besetzung des Berliner Zeitungsviertels. Innerhalb ihrer Führung gab es dabei heftige Widerstände gegen diese unrealistische Einschätzungen der tatsächlichen Kräfteverhältnisse.

Rosa Luxemburg hielt diesen zweiten Revolutionsversuch für mangelhaft vorbereitet und verfrüht. Doch war sie durch die lange Haft sehr geschwächt und es gelang ihr nicht, in die sich überstürzenden Ereignissen einzugreifen. Ebenso hatte sie in der neu gegründeten, noch kleinen KPD vergeblich versucht, eine Mehrheit für die Beteiligung an den Parlamentswahlen zu gewinnen. Diese Fehlentscheidungen der linken Kräfte boten den mit den Mehrheitssozialdemokraten verbündeten rechten Militärs einen willkommenen Vorwand, mit den Revolutionären brutal abzurechnen. Der Plan zur Ermordung von Liebknecht und Luxemburg war von dem mit aller Vollmacht ausgestatteten Reichswehrminister Gustav Noske faktisch abgesegnet worden. Das war der Auftakt zu einer mörderischen Kampagne, mit der eine revolutionäre Entmachtung der alten, antidemokratischen Eliten aus der Kaiserzeit vereitelt wurde.

Der gefangengenommene 18-jährige Eisendreher Johann Lehner kurz vor seiner Hinrichtung, 3. Mai 1919

Bayern 03.05.1919: Der 18-jährige Eisendreher Johann Lehner kurz vor seiner Hinrichtung Quelle Bundesarchiv Bild 146-2004-0048

Die antidemokratischen alten Eliten setzen sich brutal durch

Es gab Hunderte von Toten im Januar 1919 in und um Berlin. Im Februar wurde in München der Sozialist Kurt Eisner, der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern ermordet. Einen Monat später wurden die Rätebewegungen in Bremen und an der Ruhr militärisch liquidiert, mit weit über 1.000 Opfern. Dann folgte im Mai 1919 die Zerschlagung der Bayrischen Räterepublik. Über 1.000 Menschen kamen dort ums Leben, davon viele Hundert durch die Erschießungskommandos der siegreichen  Freikorps. Im November wurde schließlich noch der USPD-Vorsitzende Hugo Haase ermordet. .

Spaltung der Linken ebnet den Weg zum Nazi-Faschismus

Die ostelbischen Großgrundbesitzer und die Industriellen, die so trotz ihres gescheiterten Kriegs ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht behaupten konnten, waren später wichtige Stützen des Naziregimes. Die 1919 von der mehrheitssozialdemokratischen Regierung zusammengestellten paramilitärischen Freikorps waren in den 20er Jahren an diversen rechten Putschen gegen die Weimarer Koalitionsregierung beteiligt. Nach 1933 gingen sie in den nationalsozialistischen Organisationen auf. So verzögerte die Spaltung der Linken die Demokratisierung Deutschlands und ebnete dem Faschismus den Weg.

Am Trauerzug zur Beisetzung von Karl Liebknecht und 31 Januarkämpferne am 25.1.1919.beteiligten sich über 100.000 Menschen, darunter auch zahlreiche Sozialdemokraten.